Segel-Treiben in der Neuen Welt

„Kaum waren wir aus der Gaspé-Bucht herausgesegelt und bewegten uns auf dem St. Lawrence River, als der Wind einmal mehr einschlief. Doch jetzt kam ein neues Zauberwort auf, das ein gewisses Vorwärtskommen auch ohne Wind sicherstellen sollte: Strom.“ Diese beiden Sätze stammen aus dem durchaus bemerkenswerten Büchlein über die Kanadareise 1984, meiner letzten Seereise mit dem – alten – PvD! Ja, dreiunddreißig Jahre ist dies her, fast eine halbe Lebensspanne, und nun bin ich wieder zum ersten Mal auf dem – neuen – PvD. Zwischendurch hatte ich vielleicht zwei-/dreimal meine Füße auf ein Segelschiff gesetzt, einige Stunden gesegelt, das war´s. Wie bei einigen von uns Segelbegeisterten aus alten studentischen Tagen, denen im weiteren Leben Beruf, Familie, Zeit und anderes daran hinderten, auf längere oder kürzere Törns zu gehen. Bis im letzten Jahr die Ankündigung von „Peter goes tall“ kam. Ist dies was für Dich? Genau da wieder anzufangen, wo es aufgehört hat vor 33 Jahren. Quebec wiederzusehen! Drei Wochen Zeit müssten doch drin sein. Und es klappte, ein Platz in der Crew war frei, zusammen mit Antje, Peter und Norbert, die zur selben Zeit wie ich studiert haben und PvD gesegelt sind. Aus drei Wochen sind es nun gut sieben Wochen geworden, samt Nordatlantiküberquerung, die ich 1984 wegen eines kurzfristigen Jobangebots verpasst hatte. Mit durchaus gemischten Gefühlen mit meinen fast 60 Jahren betrat ich am 01.07. den PvD in Summerside – was hat sich mittlerweile geändert, was ist geblieben? Wie viel an Segelkenntnissen und Segelfertigkeiten sind noch vorhanden?

Um die Antwort voranzustellen: Vieles kommt langsam, aber sicher wieder – dank der sehr guten Anleitung, insbesondere von Mareike und Karo, der Unterstützung von Kay und der gesamten Crew. Zu der ersten Frage möchte ich jedoch in der Antwort ein wenig ausführlicher werden. Was hat sich geändert: Zunächst an erster Stelle die Sicherheit an Bord. Angefangen von der ausführlichen Sicherheitseinweisung am Beginn bis hin zu den Notrollen und klar festgelegten Verantwortlichkeiten bei den 8 wichtigsten seglerischen Notfallsituationen. Diese gab es natürlich auch vor 40 Jahren, wurden aber kaum thematisiert und nicht so strukturiert abgearbeitet. Schwimmwesten habe ich auf den verschiedenen Langtörns von 1979 bis 1984 nur zweimal auf See getragen, beide Male während Flaute im Englischen Kanal. Lifebelts waren üblich, aber nur bei stärkerem Wind und auf dem Atlantik – aber nicht im Passat. Hier ist ein deutliches Umdenken im positiven Sinne für mich wahrnehmbar. Dazu gehört an zweiter Stelle der Motor. Wie hieß es 1984 so schön: „What, you have no engine, God bless you!“ Nun kein Problem, wird es eng, geht der Motor an, was in vielen Situationen auch der Sicherheit dient. Als Nebenprodukt fällt physikalisch so etwas wie Strom und volle Batterien ab, Licht des Nachts – nun kein Problem. Auf dem alten PvD war Licht nachts eine Art Luxus, die Fortbewegung unter Deck intuitiv-tastbar, aber kaum visuell möglich. Dazu gehört dann an dritter Stelle die Elektronik: GPS, AIS, Inmarsat, Satellitentelefon, e-mail – Begriffe, die 1984 irgendwie an Bord nicht bekannt waren. Ein Schiff in der Nähe – AIS zeigt es! Wetter – die e-mail schickt es! Ein Standort extremst genau – GPS macht´s! Dies ist für mich als „Alt-PvDler“ ein echter Paradigmenwechsel hin zu noch mehr Sicherheit, Genauigkeit und Vorhersagbarkeit, wobei ich mich auch früher durchaus (fast) immer recht sicher gefühlt habe. Und nun komme ich zu einer weiteren Veränderung, die vom technischen her mehr in die menschlichen Bedürfnissen geht, nämlich die gut funktionstüchtige Toilette! Der alte PvD hatte zwar irgendetwas Toiletten-ähnliches, was jedoch nie im Einsatz war. Bugkorb und achtern waren angesagt, letzteres gelegentlich mit Wasserspülung inklusive, dazu die leeseitige Reling – das war´s bei Flaute und Sturm. Nun also unter Deck, ohne Verdruss, gelegentlich mit kleiner Warteschlange („ich bin dann Nummer drei“), auch dies trägt zur Sicherheit bei – war für mich, insbesondere was die Reling betrifft, eine gewisse Umstellung. Als letzter Punkt möchte ich das Essen ansprechen: Auch zu unserer studentischen Segelzeit war das Essen an Bord alles andere als einfach oder gar schlecht, aber Grundlage waren doch bei den Langtörns die Kieler Konservenbüchsen gefüllt mit EVST (heutzutage als Begriff der Ernährung kaum bekannt, könnte eher eine Abkürzung der IT- oder Musikszene sein), Erbsen, Möhren etc. Nun gibt es im Vorwege Rezeptabfragen, danach wird eingekauft und die Etappenspeisepläne erstellt, sehr viel frische Lebensmittel werden in den Häfen eingekauft, die nicht per Hand auf den PvD gebracht werden können aufgrund der Menge, jeden Morgen frischen Obstsalat – Skorbut ist vollkommen out! Wirklich tolle Gerichte, Sterne also nicht nur am Himmel, sondern auch unter Deck für die Pantry!

Vieles hat sich geändert, vieles ist glücklicherweise geblieben. Hier möchte ich an erster Stelle den Zusammenhalt und das Miteinander in der Crew nennen. Eine tolle Atmosphäre von jung und alt, Langfahrern und Kurzfahrern, offene Kommunikation, Unterstützung. Dies war für mich auch früher das Entscheidende gewesen und hat mich geprägt, auch für mein Berufsleben, was mit Segeln ja nun rein gar nichts zu tun hat. Das Zusammenleben auf engstem Raum, unter gelegentlich schwierigen Bedingungen, wechselnden Herausforderungen (auch Flauten können äußerst anstrengend sein) – dies setzt eine hohe soziale und emotionale Kompetenz voraus, die jetzt genauso vorhanden ist wie früher. Dazu gehört auch die weiterhin hervorragende Seemannschaft, die einen genauso hohen Stellenwert hat wie früher, was den Sicherheitsaspekt anbelangt, sogar noch mehr als früher – siehe oben. Dazu gehört die Faszination Segeln, die mich schnell wieder ergriffen hat, zwar körperlich in den ersten Tagen der Eingewöhnung noch recht anstrengend, die Genua bekomme ich jetzt nicht mehr per Hand fast ganz durchgesetzt – aber es wird langsam besser! Und dazu gehört die besondere Faszination PvD, die mich schon früher in den Bann gezogen hat. Fast bin ich ein wenig traurig, dass es 33 Jahre gedauert hat, bis ich diese Faszination wieder verspüren konnte, aber daran bin ja alleine ich schuld und dies kann ich auch ändern! Und dies ist auch das wirklich besondere am ASV, was Wolfgang Vogt früher immer mit den zwei Worten „Impossible solum“ zum Ausdruck brachte – unmögliches wahr zu machen! Dies erfahre ich nun ganz persönlich und genieße die Stunden, Tage und Wochen auf dem PvD – selbst das Kreuzen macht jetzt Spaß!

Henrik

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